Thomas Edelmann.

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Woran man ein unrealistisches App-Angebot erkennt

28.10.2026

Vor Ihnen liegen zwei Angebote für dieselbe App. Das eine kommt auf 80.000 €, das andere auf 250.000 €. Beide sind professionell gestaltet, beide versprechen Termintreue, und Sie haben niemanden im Haus, der sagen kann, welches stimmt.

Die naheliegende Frage lautet: Welches ist zu teuer? Nach meiner Erfahrung ist das fast nie die richtige Frage. Die meisten App-Angebote sind weder zu teuer noch zu günstig. Sie sind unvollständig. Sie beziffern, was bis zum ersten Tag im App Store passiert — und schweigen über alles danach. Das günstigere Angebot ist dann oft nicht günstiger, sondern nur kürzer.

Ich entwickle und betreibe seit 2013 eine eigene App für Augenoptiker. Den ersten Tag im App Store habe ich vor langer Zeit hinter mir. Was seitdem kam, stand in keinem Angebot, weil ich es mir selbst hätte schreiben müssen.

Da waren die jährlichen iOS-Versionen: Jedes Mal änderte Apple etwas, und die App musste nachziehen, ob ich wollte oder nicht. Da waren Kunden, die gar nicht updaten wollten, weil ihre Version ja funktionierte. Damit liefen alte und neue Versionen gleichzeitig gegen dasselbe Backend, und beide mussten weiter funktionieren. Und dann kam die E-Rechnungspflicht: Sie krempelte die Rechnungsstellung im Backend so um, dass sie mehr Arbeit machte als die Weiterentwicklung der App selbst.

Was ein Angebot zeigen sollte — und oft nicht zeigt

1. Was passiert nach dem Start?

Apple bringt jedes Jahr eine neue iOS-Version heraus und verlangt in regelmäßigen Abständen, dass neue App-Versionen mit aktuellen Entwicklungswerkzeugen gebaut werden. Eine App, die niemand pflegt, fällt nicht sofort aus — aber irgendwann lässt sich kein Update mehr einreichen, und dann reicht schon ein kleiner Fehler, um in Schwierigkeiten zu kommen.

Dazu kommt, dass nicht alle Nutzer mitziehen. Wer eine funktionierende Version hat, sieht oft keinen Grund zum Update. Dann laufen mehrere App-Versionen gleichzeitig, und jede muss mit dem Server zurechtkommen.

Prüffrage: Steht im Angebot, was die Pflege pro Jahr kostet und wer sie übernimmt? Wenn dort nur „Wartung nach Aufwand” steht, fragen Sie nach einer Hausnummer. Und: Wie lange werden ältere App-Versionen unterstützt, und kann die App ein Update erzwingen?

2. Wer betreibt das Backend?

Fast jede App braucht einen Server: für Konten, Daten, Lizenzen, Benachrichtigungen. Der Server muss betrieben, abgesichert und aktualisiert werden — auch in fünf Jahren noch. Und er muss mit dem Recht Schritt halten: Hängen Abrechnung oder Rechnungsstellung daran, kann eine Gesetzesänderung wie die E-Rechnungspflicht mehr Arbeit machen als die App selbst.

Prüffrage: Wo läuft das Backend, wer ist verantwortlich, wenn es nachts ausfällt, und was kostet der Betrieb pro Monat? Und: Braucht die App überhaupt einen eigenen Server? Manche brauchen keinen, und das ist die günstigste Zeile, die es gibt.

3. Auf wessen Namen läuft die App?

Die App erscheint im App Store unter einem Entwicklerkonto. Liegt das bei der Agentur, gehört Ihnen die App im Store faktisch nicht. Ein späterer Umzug ist möglich, aber umständlich.

Prüffrage: Wird die App in Ihrem Apple-Entwicklerkonto veröffentlicht? Für ein Firmenkonto braucht Apple unter anderem eine D-U-N-S-Nummer — das dauert, also früh anstoßen.

4. Was bekommen Sie am Ende in die Hand?

Eine App besteht nicht nur aus der Datei im Store. Wer sie weiterentwickeln will — mit derselben Agentur oder einer anderen —, braucht den Quellcode, eine Anleitung, wie man ihn baut, und die Zugänge zu allen beteiligten Diensten.

Prüffrage: Sind Übergabe des Quellcodes, Nutzungsrechte und eine Build-Anleitung ausdrücklich Teil des Angebots? Regeln Sie das im Vertrag, nicht per Zuruf.

5. Welche Geräte und Versionen?

„iPhone und iPad” ist keine Spezifikation. Ab welcher iOS-Version? Hochformat und Querformat? Große Schrift, Bedienung mit VoiceOver? Jede dieser Antworten verschiebt den Aufwand.

Prüffrage: Steht im Angebot, auf welchen Geräten und Systemversionen die App abgenommen wird?

6. Wie wird abgenommen?

Ein Festpreis ohne Abnahmekriterien ist ein Festpreis bis zur ersten Meinungsverschiedenheit.

Prüffrage: Woran erkennen beide Seiten, dass die App fertig ist? Und wie werden Änderungswünsche während des Projekts bewertet und abgerechnet?

7. Ist die Prüfung durch Apple eingeplant?

Jede Version geht vor der Veröffentlichung durch Apples Prüfung. Meist geht das schnell, aber eine Ablehnung kostet Tage — gerade bei der ersten Version und bei Apps, die mit Gesundheit, Zahlungen oder Nutzerkonten zu tun haben.

Prüffrage: Hat der Zeitplan Puffer zwischen „fertig” und „im Store”?

8. Was ist mit Datenschutz?

Apple verlangt im Store Angaben dazu, welche Daten eine App erhebt. Dazu kommen Datenschutzerklärung, gegebenenfalls Auftragsverarbeitung, bei Gesundheitsdaten deutlich mehr.

Prüffrage: Wer erstellt diese Angaben, und sind sie im Preis?

9. „Zwei Apps zum Preis von einer”?

Cross-Plattform-Werkzeuge können eine gute Wahl sein, aber sie sind es nicht automatisch. Wenn das Angebot damit begründet wird, dass Android „praktisch mitkommt”, fragen Sie, was passiert, wenn eine Funktion auf beiden Plattformen unterschiedlich funktionieren muss — etwa bei Bluetooth, Kamera oder der Verbindung zu einem Gerät im lokalen Netz.

Ein Beispiel aus meiner eigenen App: Die UbiVision-Fernbedienung auf dem iPhone findet das iPad, das sie steuert, über Apples Bonjour im lokalen Netz. Android hat dafür ein eigenes Gegenstück, Network Service Discovery, das im Prinzip dasselbe leistet. Die Cross-Plattform-Werkzeuge selbst bringen dafür nichts mit. Man ist auf Zusatzbausteine von Dritten angewiesen oder schreibt genau diesen Teil doch wieder zweimal, einmal je Plattform.

Prüffrage: Warum diese Technik, für genau diese App? Eine gute Antwort nennt einen Grund, der mit Ihrer App zu tun hat, nicht mit dem Werkzeug.

10. Wer arbeitet eigentlich daran?

„Unser erfahrenes Team” ist keine Besetzung.

Prüffrage: Welche Personen arbeiten an Ihrem Projekt, mit welchem Anteil — und wer ist Ihr Ansprechpartner, wenn es schwierig wird?

Die Faustregel

Legen Sie die beiden Angebote nebeneinander und markieren Sie in jedem, zu welchen dieser zehn Punkte es etwas sagt. Das Angebot mit den meisten Lücken ist selten das billigste — es sieht nur so aus. Und ein teures Angebot, das alle zehn Punkte beantwortet, ist oft das ehrlichere.

Wenn danach Fragen offen bleiben, stellen Sie sie der Agentur. Wie sie antwortet, sagt mehr über die Zusammenarbeit als jedes Referenzprojekt.


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